Formen der Urtikaria

Spontane Urtikaria

Die spontane Urtikaria ist die häufigste Form der Nesselsucht. Jeder Vierte von uns entwickelt im Laufe des Lebens eine spontane Urtikaria. Das Bezeichnende daran ist, dass die Beschwerden „wie aus heiterem Himmel“ auftreten. In der Regel können die Krankheitszeichen (Quaddeln, Juckreiz und tiefe Hautschwellungen) also nicht gewollt herbeigeführt werden, und auf den ersten Blick lässt sich nicht sagen, welche Auslöser und Ursachen hinter ihrem Auftreten stecken. Meist hält eine spontane Urtikaria nur wenige Tage oder Wochen an. Sie wird dann als akute spontane Urtikaria bezeichnet. Bei bis zu 10% aller Patienten, die eine akute spontane Urtikaria entwickeln, dauern die Beschwerden jedoch länger als 6 Wochen an. Man spricht dann von einer chronischen spontanen Urtikaria.

Abbildung 9: Großflächige Quaddeln bei spontaner Urtikaria (Quelle: www.urtikaria.net)
Abbildung 9: Großflächige Quaddeln bei spontaner Urtikaria (Quelle: www.urtikaria.net)

von Frank Siebenhaar

Bei einer akuten spontanen Urtikaria kommt es für wenige Tage oder Wochen zu den unverwechselbaren Krankheitszeichen und Beschwerden einer Nesselsucht Das Krankheitsbild entsteht meist innerhalb von Stunden oder wenigen Tagen und klingt dann langsam wieder ab. Die Ursache bleibt oft unklar, jedoch lässt sich in vielen Fällen vermuten, was das Auftreten der Beschwerden ausgelöst hat, z.B. ein Infekt und/oder die Einnahme einer Schmerztablette oder anderer Medikamente (auch solcher, die zuvor gut vertragen wurden).
Die meisten Fälle (> 90%) einer akuten spontanen Urtikaria dauern nur wenige Tage bis Wochen an und lassen sich in dieser Zeit gut therapeutisch kontrollieren. Die Behandlung der akuten spontanen Urtikaria besteht in erster Linie in der Unterdrückung der Beschwerden, und es ist in der Regel nicht notwendig und nicht sinnvoll, eine intensive Suche nach den Ursachen durchzuführen. Wenn der Verdacht besteht, dass die Urtikaria auf einer Allergie beruht, z.B. gegen ein Nahrungsmittel, kann es sinnvoll sein, eine allergologische Untersuchung durchzuführen. Entscheidend ist es, mögliche Komplikationen (Luftnot, Schluckbeschwerden) zu erkennen und zu behandeln sowie mögliche Auslöser, soweit bekannt, in Zukunft zu meiden.

Beschwerden

Bei einer akuten spontanen Urtikaria treten Hautrötungen,Quaddeln und/oder Angioödeme auf, also die typischen Beschwerden einer Nesselsucht. Die Quaddeln gehen mit starkem Juckreiz und manchmal auch mit Brennen und Schmerzhaftigkeit der Haut einher (Abb. 9).

Während die Quaddeln an allen Körperarealen auftreten, sind Angioödeme (tiefen Hautschwellungen) häufig im Gesichtsbereich, an Händen und Füßen oder im Genitalbereich zu sehen. Bei einer schweren akuten spontanen Urtikaria kann es zu erhöhter Körpertemperatur kommen, daneben können Kopfschmerzen, Durchfall, Atem- und Schluckbeschwerden, Gelenkbeschwerden, Müdigkeit und Abgeschlagenheit auftreten. Oft ist nicht klar zu unterscheiden, ob diese Beschwerden der Urtikaria selbst oder einem zugrundeliegenden Infekt zuzuordnen sind.

Auslöser und Ursachen

Zu den häufigeren Ursachen einer akuten spontanen Urtikaria gehören Infekte (z.B. der Atemwege), Unverträglichkeiten gegenüber Medikamenten (z.B. Acetylsalicylsäure, die unter anderem in Aspirin® und Thomapyrin® enthalten ist) und Nahrungsmittelallergien/-intoleranzen. Waschmittel oder Körperpflegeprodukte wie Shampoos, Cremes oder Duschgels sind hingegen fast nie Auslöser einer Urtikaria. Medikamente, die häufiger eine Urtikaria auslösen:

  • fiebersenkende Schmerzmittel (Acetylsalicylsäure = ASS, Diclofenac, Ibuprofen)
  • Antibiotika (Penicilline, Cephalosporine)

Im Prinzip können fast alle Medikamente eine akute spontane Urtikaria auslösen. Ein wichtiger Hinweis ist dann das Vorliegen eines engen zeitlichen Zusammenhangs zwischen dem Beginn der Einnahme des Medikaments und dem Beginn der urtikariellen Beschwerden. Die Diagnose einer Medikamentenallergie sollte vorsichtig gestellt werden, da dies für den Patienten bedeutet, dass er das Medikament in Zukunft nicht mehr erhalten darf.

Untersuchungen

Weiterführende Untersuchungen oder gar eine aufwendige Suche nach Auslösern und Ursachen einer akuten spontanen Urtikaria sind in der Regel nicht notwendig. Erstens ist der Grund in vielen Fällen offensichtlich, z.B. wenn die Nesselsucht im Rahmen eines Infektes der oberen Atemwege („Grippe“, „Erkältung“) auftritt oder nach Einnahme eines Medikaments (z.B. Aspirin®). Zweitens heilt die akute spontane Urtikaria in den allermeisten Fällen innerhalb weniger Tage bis Wochen ab. Weiterführende Untersuchungen sind nur sinnvoll, wenn der Verdacht auf eine echte allergische Reaktion besteht oder anderweitig schwere Grunderkrankungen vermutet werden.

Behandlung

Glücklicherweise dauert es meist ja nur wenige Tage, bis die Beschwerden einer akuten Urtikaria von alleine wieder abklingen. Deshalb wird diese Form der Nesselsucht symptomatisch behandelt, das heißt, das Auftreten von Quaddeln, Juckreiz und/oder Angioödemen wird mit Medikamenten, sog. Antihistaminika (auch Antiallergika genannt), unterdrückt. Dabei kann für wenige Tage oder Wochen ggf. auch eine erhöhte Dosierung notwendig sein. Die Antihistaminika sollten in dieser Zeit regelmäßig, also täglich und nicht nur bedarfsweise eingenommen werden. Wenn eine akute spontane Urtikaria schwer verläuft und z.B. mit Angioödemen, Schluckbeschwerden oder Atemnot einhergeht, müssen weitere Medikamente (wie z.B. Kortisonpräparate) eingenommen werden. Lokale Therapeutika sind wenig effektiv. Natürlich sollten vermutete Auslöser, soweit dies möglich ist, in Zukunft gemieden werden.

von Karoline Krause

Beschwerden

Sobald die Symptome einer spontanen Urtikaria für länger als 6 Wochen auftreten, spricht man von einer chronischen spontanen Urtikaria. Dann beginnt die Wahrscheinlichkeit zu sinken, dass die Erkrankung innerhalb kurzer Zeit wieder verschwindet. Eine solche Nesselsucht, bei der Quaddeln und/oder Angioödeme täglich, wöchentlich oder seltener auftreten können, kann Jahre (und manchmal Jahrzehnte) andauern und ist häufig nicht ohne die regelmäßige Einnahme von Medikamenten auszuhalten. Der chronischen spontanen Urtikaria liegt eine Vielzahl von Ursachen zugrunde.

Auslöser und Ursachen

Bei schwer verlaufenden, therapieresistenten und lange bestehenden Fällen einer chronischen spontanen Urtikaria empfiehlt sich eine gründliche Suche nach Auslösern und Ursachen mit dem Ziel, diese zu identifizieren und (möglichst) zu beseitigen. Dass die Nesselsucht durch viele verschiedene Ursachen und Auslöser hervorgerufen werden kann liegt daran, dass Mastzellen durch eine große Vielzahl von Faktoren aktiviert werden können. Diese auslösenden Faktoren lassen sich zu 3 Untergruppen zusammenfassen:

  • Autoreaktive Urtikaria: Unverträglichkeit von körpereigenen Stoffen
  • Infekturtikaria: Reaktion auf einen chronischen Infektions- oder Entzündungsherd, der außer der Urtikaria keine weiteren Beschwerden verursachen muss, z.B. im Verdauungstrakt
  • Intoleranzurtikaria: Überempfindlichkeit gegen Nahrungsmittelbestandteile wie z.B. Farb-, Aroma- oder Konservierungsstoffe und histaminreiche Lebensmittel oder sogenannten Histaminliberatoren. Diese Stoffe kommen auch in ganz natürlichen Nahrungsmitteln vor.

Medikamente können ebenfalls solche Unverträglichkeitsreaktionen hervorrufen, z.B. Acetylsalicylsäure, die unter anderem in Aspirin® und Thomapyrin® enthalten ist, aber auch weitere Schmerzmittel und Medikamente gegen ganz andere Beschwerden.

Etwa zwei Drittel aller Fälle von chronischer spontaner Urtikaria lassen sich einer der oben genannten Gruppen zuordnen. Andere Ursachen der chronischen spontanen Urtikaria, wie z.B. Allergien gegen Nahrungsmittel sind sehr selten. Bei etwa einem Drittel der Patienten findet sich trotz genauer Durchuntersuchung keine zugrunde liegende Ursache.

Untersuchungen

Bei jeder chronischen spontanen Urtikaria muss zunächst sichergestellt werden, dass es sich tatsächlich um eine solche handelt. Dann sollte die Schwere der Erkrankung ermittelt und die Beeinträchtigung der Lebensqualität bestimmt werden. Außerdem sollte mit Blutuntersuchungen festgestellt werden, ob Zeichen einer schweren Entzündung vorliegen. Liegt eine schwer verlaufende, therapieresistente und lange bestehende chronische spontane Urtikaria vor, sollte nach zugrundeliegenden Ursachen gesucht werden, also geprüft werden, ob eine autoreaktive Urtikaria, eine Infekturtikaria oder eine Intoleranzurtikaria vorliegt.

Eine autoreaktive Urtikaria lässt sich mit Hilfe des autologen Serumtests (ASST=autologous skin serum test) einfach, rasch und sicher diagnostizieren. Dazu wird aus frisch entnommenem Vollblut Serum gewonnen, das dem Patienten in einer Art Allergietest in die Haut gespritzt wird. Entsteht an der Stelle eine Quaddel, zeigt dies an, dass der Patient auf sein eigenes Serum „allergisch“ reagiert.

Vor allem Infektionen im Magen-Darm-Bereich durch Helicobacter pylori, sowie Infektionen im Hals-Nasen-Ohren-Bereich oder der Zahnwurzeln sind besonders häufig die Ursache einer Infekturtikaria. Die Diagnostik einer Infekturtikaria konzentriert sich auf die Suche nach Infekten in diesen Bereichen.

Die Diagnose der Intoleranzurtikaria erfolgt durch eine spezielle Diät, die 4 Wochen lang durchgeführt wird. Diese führt bei Patienten mit Intoleranzurtikaria zu einer deutlichen Verbesserung bis hin zur Beschwerdefreiheit. Allergietests sind bei dieser Form der Nahrungsmittelunverträglichkeit nicht sinnvoll.

Behandlung

Ziel der Behandlung der chronischen spontanen Urtikaria ist die Beschwerdefreiheit. Wo möglich sollte dies durch eine Heilung der chronischen spontanen Urtikaria, also durch die Beseitigung der zugrunde liegenden Ursache erfolgen. So sollte z.B. bei einer Infekturtikaria der Infektherd beseitigt und bei einer Intoleranzurtikaria sollten die auslösenden Stoffe gemieden werden. Ist ein solcher sogenannter kurativer Therapieansatz nicht möglich oder nicht erfolgreich, kommen symptomatische Behandlungsverfahren zum Einsatz. Die internationale Leitlinie für die chronische Urtikaria empfiehlt ein dreistufiges Therapieschema. Die Basistherapie besteht in der Einnahme von nicht müde machenden Antihistaminika, sogenannten Antihistaminika der 2. Generation. Sollte sich darunter keine Beschwerdefreiheit einstellen, ist die Dosierung des Antihistaminikums zu erhöhen. Wenn auch darunter noch Beschwerden auftreten, sollte Omalizumab zum Einsatz kommen (Antikörper gegen Immunglobulin E). Alternativ kann auch das immunsupprimierende Medikament Ciclosporin A zum Einsatz kommen (unterdrückt die Immunreaktion des Körpers) oder das antientzündlich wirkende Medikament Montelukast (ein Leukotrienantagonist) angewendet werden. Von der Gabe von Kortison als Dauertherapie in Form von Tabletten oder Spritzen wird ausdrücklich abgeraten. Lediglich bei sehr starken Schüben kann Kortison als Kurzzeittherapie für einige Tage angewendet werden. Kortison in Form von Salben oder Cremes hingegen sind bei einer Urtikaria nicht wirksam. Von der Anwendung wird ausdrücklich abgeraten. Die Behandlungs- empfehlungen der Leitlinie basieren auf einer streng wissenschaftlichen Auswertung von Klinischen Studien. Daher finden experimentelle Behandlungsverfahren in einer Leitlinie keine Beachtung. Dennoch haben viele Ärzte mit der einen oder anderen alternativen Behandlungsmethode gute Erfahrungen gemacht, zum Beispiel mit der Eigenbluttherapie. Im Allgemeinen aber muss man bei der Anwendung alternativer Heilmethoden zu großer Vorsicht raten. All zu oft werden zu erheblichen Kosten völlig wirkungslose oder auch gefährliche Behandlungsformen angeboten. Bei schwerer chronischer spontaner Urtikaria, z.B. beim Auftreten von Schleimhautschwellungen mit Schluckbeschwerden und Atemnot, wird das ständige Mitführen eines Notfallsets empfohlen, mit dem sich schwere Urtikariaschübe kontrollieren lassen. Meist enthalten solche Notfallsets ein schnell wirksames Kortisonpräparat sowie ein Antihistaminikum.


Mit freundlicher Genehmigung von undefinedUnev und undefinedUrticariaday

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Am 09.11.2016 fand im Meliã Hotel, Friedrichstraße 103, die Mitgliederversammlung des Urtikaria-Netzwerk Berlin-Brandenburg e.V. statt.

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